• 8.7.2020

  • Ein Beitrag von PVS Südwest

Im Gespräch: Corona und die GOÄ-Novelle

Stefan Tilgner, Geschäftsführer des PVS Verbands, spricht über die Auswirkungen der Pandemie auf den Praxisbetrieb, die GOÄ-Novelle und das Gesundheitssystem und erklärt, in welchem Bereich die Pandemie auch als Chance wahrgenommen werden kann.

Dieses Gespräch ist eine Aufzeichnung der PVS Podcast-Reihe GOÄcetera.

Moderator: Herzlich Willkommen zu GOÄcetera - dem neuen Podcast der PVS. Ob Gebührenordnungen, Praxisalltag oder die tagesaktuelle Situation - einmal im Monat besprechen wir von jetzt an Themen, die ÄrztInnen im Praxisalltag begegnen. Wechselnde Gäste, geben Antworten, Tipps und Empfehlungen und geben ihr themenbezogenes Wissen weiter.

Heute ist Stefan Tilgner bei uns, der Geschäftsführer des PVS Verbands. Ja, Herr Tilgner, schön, dass Sie heute bei uns sind. Ich glaube, wir haben ein Thema, an dem wir nicht vorbeikommen und das uns sicherlich noch eine Weile begleiten wird - Corona. Vielleicht zuerst einmal aus Ihrer privaten Brille: Wie haben Sie speziell die Anfänge erlebt?

Tilgner: Erst einmal einen schönen guten Tag. Ja, die Corona-Krise ist für uns als Verband natürlich auch ein großer Einschnitt. Wir haben eigentlich fast alles auf den Kopf stellen müssen, wie wahrscheinlich jeder, der in Deutschland im Berufsleben steht. Also das hat schon vieles verändert. Nicht nur negativ - das will ich gar nicht sagen. Es gibt durchaus auch Elemente, die wahrscheinlich auch fortdauern werden, und auch Lernkurven, die wir alle gemacht haben, insbesondere was technische Möglichkeiten angeht. Das wird in Zukunft sicherlich auch Bestand haben.

Moderator: Und wie sehen Sie die Situation in den Praxen? Tagesaktuelle Aussagen sind sicherlich schwierig. Aber wenn wir vielleicht den Blick mal auf das Ende des Jahres richten wollen. Was ist Ihre Prognose? Wie schlimm wird es dann gewesen sein?

Tilgner: Karl Valentin hat ja mal gesagt: "Prognosen sind schwierig, weil sie ja die Zukunft betreffen". Es ist natürlich jetzt für mich überhaupt nicht möglich zu sagen, wohin die Reise geht. Wir hoffen alle, dass wir von dem Spuk irgendwann in absehbarer Zeit befreit werden. Gleichwohl muss man sagen, das hat schon auch in unserem Bereich einen ordentlichen Schlag getan. Wir haben bereits vor ungefähr zwei Monaten eine erste Analyse veröffentlicht. Die Patienten sind schlicht und ergreifend nicht mehr zum Arzt gegangen und wir haben also plötzlich leere Praxen gehabt. Einbrüche von roundabout 40 bis 60 Prozent zum Teil. Das ist schon erheblich und führt natürlich bei den Praxen zu zum Teil dramatischen Situationen.

Moderator: Und wie ist Ihre Einschätzung? Wenn wir jetzt im Sommer in eine vergleichsweise normalere Situation kommen werden, kommen die Patienten da wieder, werden Behandlungen nachgeholt? Können Sie das überhaupt?

Tilgner: Das hoffen wir natürlich. Und ich gehe persönlich auch sehr davon aus. Es gibt schon erste Signale und erste Zeichen dafür, dass sich das wieder etwas entspannt. Das ist ja geradezu absurd, dass wir in Deutschland zum Beispiel spezielle kardiologische Abteilungen haben, die geradezu leer stehen. Es ist ja nicht davon auszugehen, dass heutzutage, nur weil Corona übers Land fegt, plötzlich keiner mehr ein Herzinfarkt bekommen oder keiner mehr vom Schlaganfall betroffen ist. Das heißt, dass die Leute aus Angst vor dem Tode den Selbstmord vorziehen. Und das ist natürlich eine furchtbare, nicht akzeptable Situation. Ich gehe davon aus, dass sich das auch wieder ein bisschen normalisieren wird.

Moderator: Ja, seitens der Politik ist man ja im Grunde alles andere als untätig. Es werden Hilfspakete geschnürt, für die man ja mittlerweile fast schon einen Kompass und 'ne Karte braucht, um noch herauszufinden, wer für wen alles dort Geld bereithält - europaweit, bundesweit. Aber die Frage ist: Können Sie schon abschätzen, ob das auch an den richtigen Stellen greift?

Tilgner: Ich glaube, was man zunächst einmal feststellen muss, ist, dass mit Beginn der Pandemie-Ausrufung ein unglaubliches Pensum an Hilfsmaßnahmen absolviert wurde. Die Politik hat schnell reagiert, um sag ich mal die größten Härten abzufedern. Aber man muss natürlich auch festhalten, gerade in Bezug auf die Ärzteschaft, auf die niedergelassenen Ärzte insbesondere, Krankenhäuser ist ein bisschen anders, da hat sich das ein bisschen anders dargestellt. Denn viele Hilfen, die sehr schnell auf den Weg gebracht wurden, wurden für Freiberufler und insbesondere für Heilberufe so nicht vorgesehen. Das hat schon ein gewisses Geschmäckle. Wir erleben es im zahnärztlichen im Bereich in einer besonders harten Variante. Offenbar geht man davon aus, dass diese Berufsgruppen sich selber helfen müssen.

Gleichwohl gibt es natürlich das ein oder andere. Wir haben das auch durchgesetzt, dass zum Beispiel der Anspruch auf Kurzarbeitergeld auch für die niedergelassenen Praxen und das Personal dort selbstverständlich auch gilt. Aber diese ganz großen Hilfspakete, insbesondere KfW Kredite, da sind leider Freiberufler bis heute davon ausgenommen. Wir kämpfen dafür auf verschiedenen Ebenen, auch in Kooperation mit dem Bundesverband der Freien Berufe, dass Arztpraxen, also Einrichtungen unter zehn Mitarbeitern - das ist die Schlüsselregelung in dem Text - dass das hier aufgeweicht wird zugunsten auch kleinerer Einheiten.

Moderator: Für die Zeit vor Corona war ja im Grunde genommen eine GOÄ-Novelle angedacht. Das hat der Minister versprochen. Die Zeit, in der wir das jetzt aufnehmen, ist Juni. Sie ist noch nicht da. Was meinen Sie, kommt da in diesem Jahr noch etwas? Und wie nötig wäre eine GOÄ-Novelle?

Tilgner: Also das ist natürlich eine ganz schwere Frage, weil wir eigentlich zum Jahreswechsel fest davon ausgegangen sind und auch ausgehen konnten, dass die Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte in die Zielgerade kommt. Die Verhandlungen und Verständigungen zwischen den verschiedenen Bänken, also der Ärzteschaft, dem Verband der privaten Krankenversicherung und den Beihilfeträgern war so weit auf dem Weg, dass es eigentlich nur noch um kleine Details ging. Sicherlich, in der Bewertung gab es noch Diskussionsbedarf. Aber grundsätzlich war allenthalben zu hören, dass man, wenn der Startschuss vom Minister käme, dass man dann in einer Intensiv-Marathon-Verhandlung innerhalb von vier Wochen das Ding wirklich rund kriegt, sodass eigentlich realistischerweise davon auszugehen war, dass man zum zweiten Quartal weißen Rauch aufsteigen sieht. Der Minister hat seinerseits auch angekündigt (Ende letzten Jahres), dass die Novellierung der Gebührenordnung zu einem ganz wichtigen Thema wird. In diesem Jahr nun ist Corona dazwischen gekommen. Es ist alles in den Hintergrund getreten, und jetzt stellt sich die Frage natürlich, was passiert eigentlich, wenn Corona die Krise abgeflacht ist oder beziehungsweise in den Hintergrund wieder tritt? Das wird eine spannende Frage bleiben.

Moderator: Wo sind die konkreten Veränderungen? Welches Verbesserungspotenzial wünschen Sie sich?

Tilgner: Die neue GOÄ enthält natürlich vor allem zunächst einmal, und das ist schon das größte Potenzial, die modernste Abbildung der modernen Medizin und den Stand der Technik. Das ist deswegen so bedeutsam, weil die heutige GOÄ im Wesentlichen nicht nur die GOÄ von 1996 ist, sondern, wenn man so will, eigentlich sogar von '83, denn mit der Novelle von '96 kamen eigentlich nur ein paar Versatzstücke. Einige kleine Verbesserungen, aber der wesentliche Teil der Beschreibung der Leistungen stammt eigentlich aus dem Werk von 1983. Wesentliches davon auch noch teilweise älter. Das kann natürlich nicht Stand der Dinge bleiben. Hinzu kommt natürlich, dass eine so veraltete GOÄ heute natürlich zu völlig irren Abrechnungskonstellation führt. Man muss sich oftmals behelfen mit analogen Abrechnungsempfehlungen, weil die GOÄ schlicht und ergreifend bestimmte Verfahren natürlich logischerweise nicht vorsieht. Die Analogabrechnung ist ein anerkanntes Verfahren, aber sie führt natürlich zu Auseinandersetzungen. Patienten sind frustriert. Versicherungen lehnen bestimmte Rechnungen ab, und man ist eigentlich sehr stark im Korrespondenzfall und zum Teil auch im Rechtsstreit.

Moderator: Aber wo sind die praktischen Veränderungen? Gibt es auch Verbesserungen für die Ärzte, aber auch vielleicht Vereinfachungen für die PVen?

Tilgner: Der Teufel steckt wie immer im Detail. So wie sie angedacht ist, sieht es natürlich zunächst einmal sehr viel einfacher aus. Ich bin aber davon überzeugt: Wenn die neue GOÄ käme, wird es nicht eben einfacher. Es wird auch komplizierter, zum Teil. So einfach ist das Verfahren nicht. Aber das ist das Interessante. Sie lässt sich natürlich deutlich besser verbinden mit entsprechenden Digitalisierungsvorstellungen. Sie lässt sich deutlich besser verbinden mit Vorstellungen auch der Politik im Hinblick auf epidemiologische Informationen. Diese neue GOÄ wird ja Vorgaben enthalten, was die Rechnungslegung angeht. Stichwort ICD 10 und ähnliches. Das wird alles kommen. Dann lässt sich natürlich damit auch deutlich besser arbeiten als in der Vergangenheit.

Moderator: Wo stehen die PVen dort im Bereich Digitalisierung, im Bereich Vereinfachung, im Bereich auch anderer technischer Hilfsmittel?

Tilgner: Ich denke, die PVS ist per se ein sehr IT-lastiger Bereich. Wesentliche Teile der Arbeit der Verrechnungsstellen basieren ja zunächst einmal auf technischen Ansätzen, aber natürlich auch auf starkem Know-How, was ja durch die qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingebracht wird. Hier wird es in Zukunft mit Sicherheit weitere Schübe geben.

Moderator: GOÄ-Novelle, Digitalisierung - das sind ja Zukunftsthemen. Jetzt hat uns Corona gezeigt, dass solche Fragen auch ganz schnell vielleicht in die zweite Reihe rücken. Das Verständnis muss aber sicherlich sein, auch nicht beim Status quo stehenzubleiben. Ist so eine Krise auch eine Möglichkeit, das Gesundheitssystem einmal neu zu bewerten?

Tilgner: Die Situation, die wir vor der Krise hatten, war ja vor allem auch dadurch geprägt, dass wir eine erhebliche Frustrationskurve gesehen haben bei insbesondere dem Krankenhausbereich. Die Zufriedenheit mit dem DRG System war ohnehin schon nicht besonders groß. Anreize, die in die völlig falsche Richtung gehen. Diese Anreize zugunsten einer relativ schnellen und durchoptimierten Medizin haben wenig zu tun am Ende des Tages mit einer guten Versorgung. Und auch ein Arzt, der eigentlich nur in Dokumentationen und betriebswirtschaftlichen Reglements unterwegs ist, das ist wenig hoffnungsfroh machend. Will sagen: Ich glaube, dass man jetzt, nach dieser Krise zum Beispiel im Krankenhaus-Sektor dieses Fallpauschalen-System deutlich hinterfragen muss. Es ist, glaube ich, kein besonders großes Erfolgsmodell.

Die Zufriedenheit der Ärzte mit dem System hängt meines Erachtens sehr stark von diesem bürokratischen Aufwand ab und von den Vorgaben und der - ich sage jetzt mal - Politik, die auf sie einwirkt. Jedes Jahr eine Taktung an Gesetzen, und das war ja insbesondere auch in den letzten Monaten auch vor der Krise fast schon nicht mehr erträglich. Die Taktung an Gesetzesentwürfen - all das führt nicht gerade dazu, dass auch ein niedergelassener Arzt glücklich sein kann, weil der Aufwand, den er betreiben muss, um Dinge zu machen, die nichts mit der Medizin zu tun haben wird immer größer. Man führt ein Gesetz ein, stellt fest, dass da wieder neuer Regelungsbedarf entsteht, und das ist eine Schraube, die sich immer schneller drehen wird auf Dauer.

Man muss vielleicht jetzt die Krise auch als Chance sehen. Das ist vielleicht auf ein paar andere Dinge auch noch ankommt. Und ich glaube im Gegensatz zu vielen anderen, dass es nicht das Land ist, was abstoßend wirkt, dass die Landarztversorgung nur deswegen stockt, weil die Leute alle nur in einer Stadt tätig sein wollen. Das halte ich persönlich für ein Gerücht. Wir wissen aus entsprechenden Untersuchungen, dass auch der private Anteil auf dem Lande durchaus nicht so gering ist. Es gibt also auch Attraktivitäten auf dieser Ebene, durchaus. Nein, es sind Rahmenbedingungen, es sind Rahmenbedingungen, die man schaffen muss. Die Digitalisierung kann hier meines Erachtens sehr stark helfen. Wir werden also Versorgungsprobleme auch zum Teil durch Digitalisierung lösen können.

Moderator: Wenn wir irgendwann auf die Situation nach Corona schauen. Was ist die Veränderung, die Sie sich vielleicht am meisten gewünscht haben, wo Sie sagen "Mensch, das haben wir doch alle gut miteinander gemacht und dass wir das jetzt haben, das wollen wir eigentlich gar nicht mehr her geben".

Tilgner: Wir kommen in Zeiten, wo der Patient eine stärkere Rolle spielen muss. Es sind zwar oftmals Programmsätze, die eigentlich seit Jahrzehnten jede Einrichtung, jede Institution publiziert. Aber ich glaube, in dem Falle muss man wirklich sagen: Wir erleben eine Veränderung der Wünsche, des Mitspracheanliegens von Patienten, zugegebenermaßen auch getriggert durch Technik, durch Internet, durch entsprechende Apps. Aber ich glaube, da muss man darauf eingehen, und hier muss stärker auch dieser Fokus miteinbezogen werden.

Ich glaube, man kommt weg von einer reinen, dirigistischen, auch paternalistischen Idee, sondern man muss stärker auf die einzelnen Wünsche eingehen. Und so muss sich auch das Gesundheitswesen ausrichten. Wir werden immer einen starken Bereich haben müssen, wo auch diese Wünsche bedient werden können. Und das geht eben nicht nach Schema F, sondern da muss man im Einzelfall eben auch Optionen bieten. Ich glaube, so ein Gesundheitswesen ist sehr lebenswert.

Moderator: Herr Tilgner, ich glaube, da waren ein paar Dinge dabei, über die es sich lohnt nachzudenken, die uns die Krise gezeigt hat, wo wir weiterhin arbeiten können. Ich danke für's Gespräch.

Tilgner: Vielen Dank.

So funktioniert Gebührenverordnung für Ärzte (GOÄ)

Weitere Informationen zu den GOÄ-Services der PVS Südwest finden Sie auf unserer Website.

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